"Das Lauschen auf die Schreie in unserer Welt nicht verlernen"

350 Frauen bei der kfd- Regionalfrauenwallfahrt in Esterwegen - „Im Gehen erinnern und gedenken" -
Bis auf den letzten Platz besetzt war die St. Johannes-Kirche in Esterwegen, von wo aus die kfd –Frauenwallfahrt des Dekanats Emsland-Nord der Region Hümmling startete. Vorsitzende Annette Hilmes, theologischer Begleiter Michael Strodt und Pater Lucas begrüßten die Frauen und luden zum gemeinsamen „Im Gehen erinnern und gedenken" ein. Kräftig und leidenschaftlich erklang das kfd Lied der 350 Frauen „Lasst uns miteinander gehen, Frauen auf dem Wege...", das Michael Strodt auf der Gitarre begleitete.

Der erste von den vier passenden Impulsen in Form von Zeitzeugenberichten und Gebeten fand in der Kirche statt. Die nicht enden wollende Kette mit kfd-Frauen führte dann zum Friedhof, durch den Esterweger Busch bis zum Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Dort erwähnte Michael Strodt: " Auf diesem Boden wurden Menschen grausam gefoltert und getötet. Sie waren unter unmenschlichen Bedingungen zum Kultivieren der Moore gezwungen worden. Diese Menschen sind aber auch Zeugen für mutiges und gewissenhaftes Handeln". Im Rahmen des Impulses berührte Strodt die Herzen der Frauen mit dem gefühlvoll gesungenen Lied:" Und meine Seele singt, dir, Gott meinem Retter..."
Das stille Gehen über das Gelände führte in den Klostergarten, wo mit Generalvikar Theo Paul ein beeindruckender Gottesdienst gefeiert wurde. Zu Beginn sprach Sr. Jacintha Altenberg, eine der vier ansässigen Schwestern des Franziskaner Ordens, zu den Frauen:" Wir müssen die Geschichte den Kindern weitererzählen und immer wieder beten, dass wir noch lange in Frieden leben können!" Sie, die Schwestern, seien für die Menschen da, die an diesem Ort kämen, um mit ihren Gebeten und Gesprächen einen Beitrag zur Versöhnung zu leisten, fügte sie hinzu.
„Sind die Gedenktage und Gedenkstätten nur unumgängliche Rituale, die man absolvieren muss?" Mit dieser Frage beschäftigte sich Generalvikar Theo Paul in seiner anschließenden Predigt und verwies dabei auf ein Zitat von Nelly Sachs „Wir wollen das Lauschen der Schreie in unserer Welt nicht verlernen". Theo Paul fügte hinzu, dass man mit dieser Eucharistiefeier die Erinnerung an die Menschen ausdrücken wolle, die an diesem Ort unsägliches Leid erlitten hätten und gestorben seien. Das KZ Esterwegen sei eines der 15 Emslandlager gewesen, die „Hölle am Wegesrand". „ Wir dürfen uns nicht an die Geschichte der KZs gewöhnen, sondern müssen sie immer wieder wachrütteln. Das ist unsere Aufgabe!" Für ein friedliches Zusammenleben sei die Totographie des Grauens sehr wichtig. Ein kostbares Zeichen sei auch die Anwesenheit der Schwestern an diesem Ort. Erinnerung brauche Orte, wo Menschen ihr Leid, ihre Klage, ihre Ohnmacht ausdrücken könnten, predigte Theo Paul und erinnerte an die Worte von Jürgen Werbick: „ Dieses Kloster ist ein selbstloser Ort für manches ortlose Selbst".
Der Psalm 22 mit seinem tiefsinnigen religiösen Text: ´Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen', zog sich wie ein roter Faden durch den Gottesdienst und Theo Paul ging in seiner Predigt wie folgt darauf ein: „ Kaum ein anderes Gebet schafft es, so konzentriert und klar von der Erfahrung des menschlichen Leidens zu sprechen. Es ist eine Anklage an Gott, und so endet das Gebet, das Jesus auch am Kreuz gebetet hat, eben in Lobpreis der Heilsgeschichte Gottes. In diesem Psalm liegt der wahre Beweis der Göttlichkeit des Christentums".
Musikalisch umrahmt wurde die Wallfahrtsmesse mit passenden Gesangsbeiträgen des Projektchores unter der Leitung von Regionalkantorin Frauke Sparfeldt.
Annette Hilmes bedankte sich am Ende der Messe im Namen des Regionalvorstandes bei allen, die zum guten Gelingen der Frauenwallfahrt beigetragen hätten, vor allem aber bei den kfd Frauen, die so zahlreich erschienen seien, um sich im Gehen zu erinnern und zu gedenken. Sie teilte mit, dass die Spende der Wallfahrtsmesse dem Kloster Esterwegen zukommen würde, wofür es großen Beifall gab. Die vom Regionalvorstand vorbereitete und gelungene Frauenwallfahrt endete mit einem von Frauen aus Esterwegen bereiteten Imbiss und tiefgehenden Gesprächen, die zu folgendem Fazit führten: „Das stille Gehen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und der beeindruckende Gottesdienst mit seinen tiefgründigen Texten haben diesen Tag der Wallfahrt geprägt".
Text und Fotos: Gisela Arling

 

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