"Wer ist echt und wer falsch?"

Am 4. und 5. Juni 2019 war zur diesjährigen Frauenkundgebung auf der Waldbühne Ahmsen Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg aus Berlin als Rednerin eingeladen.

Passend zum diesjährigen Stück „Anatevka“ sprach sie über Tradition, Erneuerung und die Rolle der Frau im Judentum.

In der Pause lies sich Frau Offenberg mit dem Schauspieler der Waldbühne fotografieren, der im Stück „Anatevka“ den Rabbiner spielt

Nachfolgend Ihre Ansprache bei der Frauenkundgebung Waldbühne Ahmsen, 4./5. Juni 2019

Liebe Frauen,

nach dem jüdischen Kalender ist heute Rosch Chodesch, der Beginn des Monats Siwan. Nach der jüdischen Tradition sind die Neumondstage als Feiertage für Frauen bestimmt, als Belohnung dafür, dass sie sich dem Ansinnen ihrer Männer verweigerten, ihren Schmuck für den Bau des Goldenen Kalbs herzugeben. Seit dem Mittelalter ist bezeugt, dass Frauen an diesen Tagen ihre Arbeit etwas ruhen ließen und zusammenkamen, um gemeinsam zu feiern. Wie schön, dass wir hier alle beisammen sind!

„Tradition, Tradition! Tradition!“

Das ist das berühmte Lied, das Tewje der Milchmann singt– geradezu eine Beschwörung einer heilen Welt.Das Lied ist zu einem Schlager geworden und hat das Musical „Anatewka“ weltbekannt gemacht. Doch es ist nicht allein die mitreißende Musik und das humorvolle Libretto, die die Popularität des Stücks ausmachen, sondern sein Thema der Bewahrung von religiösen und gesellschaftlichen Normen in einer sich rasant verändernden Welt. Tewje ruft „Tradition, Tradition!“, weil er in diesen Veränderungen nur den Untergang seiner Werte sieht, aber nicht den Keim einer neuen Ordnung erkennen kann. Er schwankt zwischen der Liebe eines Vaters zu seinen Töchtern, der das Beste für sie will, und dem autoritären Versuch, notfalls gegen sie die gewohnten Strukturen durchzusetzen und Traditionen zu retten, die für die Töchter nicht mehr dieselbe leitende Kraft haben wie für ihn.

Sein Lied geht uns zu Herzen, weil wir uns in der Hilflosigkeit seines Umgangs wiedererkennen. Was fangen wir an in einer Welt, deren Werte und Lebensweisen sich entfernen von den Werten und Lebensweisen, die durch unsere religiösen Traditionen geprägt sind? Religionen stehen doch für „ewige Werte“! Was tun wir, wenn diese nicht mehr Zugkraft besitzen? Reicht es, autoritär auf deren Einhaltung zu pochen?

Höre ich Tewjes Klageruf „Tradition, Tradition!“, sympathisiere ich als Frau, Mutter und Rabbinerin mit seiner Sorge, seinen Töchtern könne das Judentum nicht mehr so wichtig sein wie ihm selbst. Wir alle fürchten eine Assimilation unserer Kinder in eine Welt der Beliebigkeit, die irreführend ein leichtes Leben verspricht und dafür bereit ist, Bindungen aufzugeben. Mein Verständnis endet da, wo religiöse Werte autoritär durchgesetzt werden sollen: Wenn Tewje seine Stellung als Patriarch, der die Ehemänner für seine Töchter aussucht, als eine gottgewollte Ordnung begründet. Ichbin sehrdafür, sich drei Mal zu überlegen, wenn überlieferte Werte über Bord geworfen werden sollen. Als Frau, Mutter und Rabbinerin bin ich entschieden dagegen, wenn die Berufung auf Traditionen nur dazu herhalten soll, den Machtanspruch einzelnerPersonen, Gruppen oder Geschlechter zu rechtfertigen.

Tradition wird in der Regel auf der Seite von Beharrung, Konservatismus, in einer Welt von Gestern verortet. Dabei ist sie kein starres Gerüst von Werten, Regeln und Ritualen, sondern ein dynamischer Prozess. Das ist im Wort Tradition, also „Überlieferung, Weitergabe“ eigentlich bereits angelegt. Die Weitergabe von Dingen und Werten hat die Empfangenden im Blick, die ihrerseits zu den künftigen Tradenten werden. In dieser Begegnung bleiben weder die Gebenden noch die Empfangenden noch das Vererbte unverändert. Denn Tradition kann sich nur als tragend erweisen, wenn sie als bedeutungsvoll und hilfreich von den Erbenden empfunden wird.

Wir leben in einer pluralistischen Welt, und das meint nicht nur, dass wir zu einer Toleranz anderer Lebensformen und Ansichten aufgefordert sind – der Pluralismus wird auch in uns selbst sichtbar, weil jede von uns nicht nur in einer einzigen, sondern in mehreren Identitäten zugleich lebt. Wir sind eben nicht allein Gemeindemitglieder in unseren religiösen Gemeinschaften, sondern unser Leben wird auch durch unsere nationalen, politischen, beruflichen, familiären und sonstigen persönlichen Gegebenheiten geprägt. Und ja, auch durch unser Geschlecht und dessen Rollenwandel in den letzten einhundert Jahren. Frauen sind im gesellschaftlichen Bereich in bislang männliche Domänen vorgedrungen – nicht widerstandslos, hart erkämpft und hässlich verleumdet, aber mittlerweile ist es weithin akzeptiert, dass eine Bundeskanzlerin unser Land führt, dasseine Mutter von sieben Kindern das Verteidigungsressort leitet, dass an den Obersten Gerichten auch Richterinnen wirken. Allgemein wird die Präsenz von Frauen auf allen Ebenen als Gewinn betrachtet, denn Teilhabe stimuliertweitere Kreise der Bevölkerung zu Engagement und erschließt so der Gesellschaft wertvolle Ressourcen. Es ist kein Wunder, dass sich auch religiöse Traditionen immer wieder befragen lassen müssen, welcher Art denn die Gründe sind, Frauen in diesem Bereich die Gleichberechtigung und den Zugang zu religiösen Ämtern zu verweigern.Wir trauen Frauen zu, unser gesellschaftliches Leben zu verwalten und über Fragen von Krieg und Frieden zu entscheiden, aber wenn es um die sogenannten Heiligen Dinge in unseren religiösen Institutionen geht, dann sollen Frauen auf das Kaffeekochen und das Gemeindebüro beschränkt bleiben?

Sind die Begründungen wirklich theologischer Natur? Oder widerspiegelt sich hier einfach eine jahrhundertealte patriarchale Tradition? Und wie lassen sich diese beiden zusammengewachsenen Stränge auseinanderpuzzeln? Was ist wirklich gottgewollt und was ist soziologisch bedingt in unseren Heiligen Schriften? Über Gott und Gottes Schöpfungswillen lesen wir in der Bibel (Gen 1:27)

Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbild, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie.“

„Der Mensch“ meint eben nicht nur den Mann, sondern die Frau ebenso.

Ich möchte Ihnen die Geschichte der ersten Rabbinerin erzählen. Regina Jonas wurde 1902 in Berlin geboren. Ihr Vater starb, als sie 11 Jahre alt war, und die Familie war so arm, dass sie nicht einmal einen Rabbiner zur Beerdigung kommen lassen konnte. Zu diesem Zeitpunkt beschloss sie, selbst Rabbinerin zu werden. Es war 1913, im Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, Frauen hatten noch nicht einmal Wahlrecht, geschweige denn die Möglichkeit, ihre Stimme in religiösen Angelegenheiten hörbar zu machen. Doch Regina Jonas war überzeugt, dass Gottes Wege andere sind als die der Menschen. In den zwanziger Jahren ließ sie sich als Religionslehrerin ausbilden und absolvierte ein Rabbinatsstudium – das sie 1930 erfolgreich abschloss, ohne jedoch wie all ihre männlichen Kommilitonen ordiniert zu werden. Ausführliche Begründungen wurden dafür gar nicht gegeben, außer: „Tradition, Tradition!“, oder: „Das hatten wir ja noch nie, wir wollen nicht die Einheit der jüdischen Gemeinschaft durch eine solch gewagte Entscheidung gefährden!“. Dabei hatte sie sich in ihrer Abschlussarbeit zum Thema „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ detailliert mit den Argumenten der jüdischen Heiligen Schriften und der Tradition auseinandergesetzt und war zu dem Ergebnis gekommen: „Außer Vorurteilen und Ungewohntsein steht halachisch (also religionsgesetzlich, U.O.) nichts dem Bekleiden des rabbinischen Amtes seitens der Frau entgegen“

Es gab aber doch Gemeindemitglieder und einige Kollegen, die ihrem Ansinnen positiv gegenüberstanden, und so wurde sie 1935 vom Vorsitzenden des liberalen Rabbinerverbandes ordiniert. „Fräulein Rabbiner Jonas“, so wurde sie genannt und so nannte sie sich selbst, denn zu jener Zeit galt wie selbstverständlich die gesellschaftliche Erwartung, dass – anders als Männer – Frauen nicht in der Lage seien, Familienleben mit einer beruflichen Tätigkeit, geschweige denn mit einem religiösen Amt zu vereinbaren. Und auch: „Rabbiner“, nicht Rabbinerin – die erste Generation von Frauen, die in Männerberufe vorstießen, legte fast immer Wert auf den männlichen Titel als Ausdruck der Gleichwertigkeit ihres Abschlusses und ihrer Arbeit. „Fräulein Rabbiner Jonas“ wirkte zunächst als Seelsorgerin, Religionslehrerin und Predigerin in der Berliner jüdischen Gemeinde. Angesichts der zunehmenden Bedrohung für Juden im Nazideutschland versuchten viele verzweifelt zu emigrieren – sie entschloss sich, bei ihrer Mutter und bei den bedrängten Juden und Jüdinnen zu bleiben, um sie durch Zuspruch zu stärken. 1942 wurde sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert – und auch dort setzte sie ihr rabbinisches Wirken fort: Sie nahm an der Rampe die Transporte von gequälten und terrorisierten Menschen entgegen und versuchte, den Neuankömmlingen Hoffnung und somit Überlebenskraft zu vermitteln. Sie hielt Vorträge und Predigten, besuchte die Hungernden und Sterbenden, gab ihnen Beistand und Mut - bis sie selbst gemeinsam mit ihrer Mutter im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurde, um gleich nach der Ankunft vergast zu werden. Als Vermächtnis bleiben uns ihre Worte:

„Wenn ich nun aber doch gestehen soll, was mich, die Frau, dazu getrieben hat, Rabbiner zu werden, so fällt mir zweierlei ein: mein Glaube an die göttliche Berufung und meine Liebe zu den Menschen. Fähigkeiten und Berufungen hat Gott in unsere Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt.“

Nach dem Krieg blieb Regina Jonas über Jahrzehnte vergessen. Doch heute sind wir weltweit über 1.000, wenn auch in Deutschland bislang nur neun. Frauen wie Regina Jonas haben uns den Weg bereitet. Was wir von ihr lernen können, ist es, Visionärinnen zu sein. Sie träumte in einer Zeit davon, Rabbinerin zu werden, als das völlig ausgeschlossen war und allenfalls als Witz belächelt wurde. Doch ihr, die orthodox lebte, war es wichtig, unsere Traditionen in die Zukunft hinein zu transportieren, hin zu Generationen, die diese als stützend erfahren sollen, und nicht als blockierend. Das geht nur, wenn wir Traditionen hinterfragen und auf ihre tatsächlich „ewigen Werte“ hin abklopfen, ihre soziokulturellen Prägungen abschälen und dabei als harte Schalen fallen lassen, was ihren lebendigen Kern verstellt. Der Ausspruch von Jean Jaurès vor mehr als 100 Jahren hat nichts von seiner Gültigkeit verloren: „Tradition heißt nicht, die Asche zu verwahren, sondern die Glut wieder zum Lodern zu bringen."

Es hat keinen Sinn, einfach über den Zeitgeist zu klagen. Es hat auch keinen Sinn, erstarrte Traditionen unserer veränderten Wirklichkeit aufzwingen zu wollen. Es kommt doch darauf an, die Botschaft der Bibel in unsere Gegenwart zu übersetzen. Wir können die Gegenwart kritisieren, aber wir müssen mit ihren Voraussetzungen und Gegebenheiten arbeiten. Und so provokativ und in-Frage-stellend der Wandel der Geschlechterrollen für unsere religiösen Traditionen ist, so liegt doch darin auch die Chance zu ihrer Wahrung und ihrer Übersetzung in die Zukunft, zur Freisetzung ihrer Wahrheit und ihrer dauerhaft leitenden Kraft. Und ja, in allem Suchen sind auch Irrwege eingeschlossen, aber es hilft nichts: Nur das eigene Suchen wird zu neuen, wahren Wegen führen. Fortschritt verläuft in der Geschichte nicht immer linear, aber wir sollten nicht verzweifeln. Wir können uns gegenseitig Wegbegleiterinnen sein, und wir müssen dies auch. Wenn wir also jetzt gleich Tewjes anrührendes Lied „Tradition“ hören und vielleicht auch mitschunkeln oder mitsingen, sollten wir uns dabei auch an Regina Jonas’ Wort erinnern: „Fähigkeiten und Berufungen hat Gott in unsere Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt“.

 

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

© KFD Diözesanverband Osnabrück 2019 Erstellt mit dem KFD-Baukasten unter Joomla! Ein Service der VANAMELAND