Impuls im Juni

Jahr für Jahr fasziniert mich das „Lebendige Labyrinth" im Garten des Klosters Helfta bei Eisleben. Jetzt im Juni entfalten die vielen Kräuter, Pflanzen und Büsche ihre volle Blüte.

Ich kann das Labyrinth nicht einfach schnellen Schrittes durchlaufen. Immer wieder bleibe ich stehen, rieche an den Pflanzen, staune über Gottes Natur und lausche dem Vogelgezwitscher. Der Weg in das Labyrinth lässt meine Gedanken kreisen.

 

 

Im Frühjahr zu den Ora-et-Labora- Tagen sah alles noch ganz anders  aus. Da haben wir in Gemeinschaft die Heil- und Heckenpflanzen gepflegt, beschnitten und von altem Laub befreit. Die Erde wurde gelockert, damit alles wieder gut wachsen kann. Der Rhythmus von Arbeiten und Beten bekam eine Struktur. „Für einen Augenblick aufhören und lauschen", so waren diese Tage umschrieben. Aufhören – während ich langsam den Weg des Labyrinthes zur Mitte gehe, unterbreche ich nicht nur meine Arbeit, ich habe Zeit auf die Mitte zuzugehen. Auf diesem Weg muss ich viele Kehren und Windungen nehmen. Fast scheint es so, dass ich in der Mitte angekommen bin, die Mitte ist zum Greifen nahe. Aber der Weg führt mich noch einmal fast an die äußere Grenze, so dass ich Zweifel habe, überhaupt zur Mitte zu finden. Ich gewinne immer wieder neue Blickwinkel. Hier an einigen Pflanzen erkenne ich mein Mitwirken an der Pflege. Die kleine Felsenbirne zeigt schon früh ihre ersten Knospen. Ich sehe, dass ich gar nicht allein unterwegs bin. Ich genieße den Augenblick, höre und lausche. Durch das feine Hinhören kann ich wahrnehmen, was ich sonst leicht überhört hätte. Da ruft ein Fasan, in der Ferne rauscht ein Zug vorbei, Menschen sprechen miteinander des Weges.

Das Labyrinth ist kein Irrgarten. Es führt mich sicher des Weges und die Blütenpracht inspiriert mich zu guten Gedanken. In der Mitte angekommen entdecke ich den großen sog. Leibraum, ein Geflecht aus Weiden und Hainbuchen. Die Bank lädt zum Verweilen ein. Hier möchte ich länger bleiben, in der Geborgenheit, in der ich Gott begegnen kann und erahne, wie er seine schützende Hand über mich legt und mir Mut gibt. So gestärkt kann ich den Weg in den Alltag wieder zurückgehen.

Ursula Kemna, stellv. Diözensanvorsitzende

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