Wachsam bleiben

70 Jahre – ein Menschenleben. Soviel Zeit, die vergangen ist, seit der Befreiung Deutschlands von der Diktatur der Nationalsozialisten, seit der Befreiung der Konzentrationslager. Bundespräsident Joachim Gauck hat den Dank an die Briten am 26. April bei der großen Feier in Bergen-Belsen noch einmal formuliert. Wie er hat auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses der Sorge Ausdruck verliehen, dass der Antisemitismus in Deutschland und in Europa wieder auf dem Vormarsch ist. Man höre dieselben Parolen wie damals.

 

Eindrucksvoller wirkten auf mich jedoch die Worte der Überlebenden. Sie sind Zeugen, sie, die die „tiefsten Tiefen der Hölle“ (Ariel Yahalomi) überlebt haben. Wer ihre Worte hört, wer sich den Orten des Grauens aussetzt in der Bewusstheit, dass die Erde dieser Orte getränkt ist mit dem Blut der unzähligen Opfer, der kann nur in dem Bewusstsein weiter leben, dass wir alle in der Verantwortung stehen, den Anfängen zu wehren.

Man muss die erschreckenden Entwicklungen, die auch der Beitrag in „Frau und Mutter“ benennt, mit Sorge beobachten. Auch wenn die Bedrohung durch den Antisemitismus in unseren Nachbarländern stärker zu sein scheint, dürfen wir uns niemals zurücklehnen, denn eine latente Gefahr geht von den vielen (nahezu jeder Fünfte!) aus, die in Deutschland eine antisemitische Grundhaltung haben. Der Beitrag von Stephanie Meyer-Steidl bringt zum Ausdruck, dass es bei weitem nicht nur muslimische Jugendliche sind, die antisemitisches Gedankengut verbreiten. Es mehren sich die Stimmen aus Israel, die die Juden in Europa und auch in Deutschland zur Ausreise in das jüdische Land aufrufen, weil sie diese in Europa wieder Gefahren ausgesetzt sehen.

Ich bin froh und dankbar für die Menschen jüdischen Glaubens, die hier unter uns in diesem Land leben. Das Judentum ist nicht nur eine historische Größe, der Sieg, der in der Vorstellung der Nationalsozialisten mit der Vernichtung jüdischen Lebens einherging, ist nicht gelungen! Noch in Bergen Belsen wurden nach 1945, als der Ort ein Camp für „displaced persons“ war, 2000 jüdische Kinder geboren worden. Unser friedliches Zusammenleben bringt zum Ausdruck, dass die hasserfüllte Ideologie der Nazis nicht das letzte Wort hat, bringt zum Ausdruck, dass wir Menschen sind, die einander in ihrer Vielfalt bereichern können. Es braucht den Dialog und die Begegnung, damit wir unserer Verantwortung füreinander gerecht werden können.

Es liegt nun an uns, den Nachgeborenen, die „Flamme der Erinnerung am Leben“ zu erhalten. Das betonte der Überlebende Maurice Zylberstein in seinen Worten, an deren Ende er in Bergen Belsen eine Erwartung und eine Hoffnung gestellt hat:

„Erwartung einer Zeit ohne Schrecken, Hoffnung auf eine Jugend mit Engagement für das Gute.

Eine Utopie? Womöglich nicht.“

Katrin Grossmann, Diözesanbeauftragte für den interreligiösen Dialog

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