Über den Versuch, blind am Alltag teilzunehmen...

Es bleibt ein spannender Versuch, den die Autorin Regina Käsmayr da in Marburg unternommen hat. Aber eben auch „nur" ein Versuch. Sicherlich ist es eine Möglichkeit, sich mit den Gegebenheiten und den Alltagsproblemen von blinden und sehbehinderten Menschen auseinanderzusetzen. Und sicherlich ist es auch eine Möglichkeit, sich den Fähigkeiten und besonderen Talenten dieser Personengruppe zu nähern und ihnen mit gehörigem Respekt und Bewunderung für die alltäglichen Dinge zu begegnen.

Und doch möchte ich ein solches Experiment auch kritisch hinterfragen. Warum begeben wir uns in solche Situationen und Abenteuer.

Vermutlich weil es spannend und aufregend ist, die Welt um uns herum, gezwungener Maßen, mit unseren Sinnen ganz neu und anders zu erfahren. Sicherlich spielt dabei auch das Verstehen wollen und die Annäherung an die Alltagsprobleme von Menschen mit einer Behinderung eine wichtige Rolle. Bestenfalls kommt dabei eine verbesserte Ausgangssituation für Behinderte zustande, wie z.B. in Marburg. Dort wurde die Stadt für Blinde auf Vordermann gebracht, weil Sehende sich intensiv mit der Fragestellung und der Problematik von blind- und sehbehindert sein auseinandergesetzt haben.

Für mich schwingt bei einem solchen Experimenten auch immer ein wenig ein ungutes Gefühl mit. Wir, die Sehenden, die ein solches Experiment durchführen oder erleben, können uns, wie die Autorin am Ende beschreibt, unsere Augenmaske einfach wieder absetzen. Wenn es nicht mehr geht, können wir schummeln und blinzeln, um uns nicht zu verletzen. Wenn der Druck und die emotionale Belastung einfach zu groß ist, dann können wir das Experiment abbrechen. Und genau das können blinde oder sehbehinderte Menschen nicht. Sie sind und sie bleiben blind.

Und wie es sich anfühlt jeden morgen aufzuwachen und es bleibt dunkel, ich glaube, dass können wir Sehenden weder erahnen noch durch Experimente erleben.

Richtig schwierig wird es meiner Meinung nach dann, wenn ein solches Experiment zum Event wird. Wenn wir mit den Einschränkungen und Behinderungen spielen und sie zum Erlebnis werden lassen. Es ist bestimmt spannend und ungewöhnlich in absoluter Dunkelheit zu essen und einen besonderen Abend zu verbringen. Doch wichtig scheint mir dabei die Intention des Ganzen. Wenn es wie bei Regina Käsmayr darum geht, sich behutsam und sensibel der Lebenswelt von Menschen mit einer Behinderung zu nähern um diese ein wenig besser zu verstehen, dann scheint es sinnvoll zu sein, dies zu tun. Weil es den Menschen mit Behinderung dient. Und dazu möchte ich gerne ermutigen: Menschen mit Behinderung zur dienen, ihnen nützlich zu sein, Interesse am Alltag zu zeigen und wirklich zu haben.

In unseren Gemeinden ist da noch lange nicht alles gut. Schauen sie sich doch in den nächsten Tagen und Woche mal ihre Gemeinde etwas genauer an. Wie behindertenfreundlich ist ihre Gemeinde? Und ganz konkret: wie finden sich blinde und sehbehinderte Menschen bei ihnen zurecht? Wie kommt man in die Kirche und durch die Kirche? Komme ich zur Kommunion, wenn ich nichts sehe? Wie sieht unser Pfarrbrief aus? Und was ist mit unserem Pfarrheim und beim Pfarrfest? Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltagsleben einer Gemeinde.

Ich wünsche ihnen viel Freude und einen Aufmerksamen Blick in ihre Gemeinde und in ihren Alltag hinein. Wagen sie ruhig einen Blick mit anderen Augen.

Thomas Puke, Beauftragter für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Bistum Osnabrück

Bei Fragen und Anregungen: Thomas Puke, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, 0170-8570237

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